10 Minuten Rosenmontagszug

Wir wollen einfach mal als Gruppe im Rosenmontagszug mitgehen. Schon früher war bei uns diese Idee aufgekommen, wie es hin und wieder auch schon andere Gruppen vor uns gemacht haben. Einige Mitglieder der DFG-VK Mainz überlegten hin und her, dachten über ein Motto nach, kamen zu verschiedenen Ideen, angesichts anderer Aktivitäten wurde allerdings nichts daraus.

Doch dann kam es doch anders: Als Anfang Januar verkündet wurde, dass Präsident Bush am 23.2. Schröder in Mainz treffen wird, begann eine hektische Aktivität vieler Gruppen in Mainz, und VertreterInnen dieser Gruppen und engagierte Einzelpersonen trafen sich bereits wenige Tage später, um zu überlegen, wie sie den Besuch von Mr. Bush würdigen könnten.

Es fanden sich dann doch noch Leute zusammen. Wir entschieden dann spontan, jetzt doch noch eine Zugnummer auf die Beine zu stellen. Das Thema war klar und hochaktuell. Nach einigen Überlegungen wussten wir, was wir machen: Wir nehmen einen Bollerwagen, setzen eine Strohpuppe hinein, mit dem Gesicht von George W. Bush. Vor sich hat er ein großes schwarzes Buch aus Pappmaché. Am Wagen befestigen wir ein Schild: "Ins Goldene Buch darf Bush nicht rein, jetzt trägt er sich ins Schwarzbuch ein." Dies ist ein regionales Thema, da der Mainzer OB Jens Beutel in einem Interview erklärt hat, dass er sich dafür einsetze, dass sich Bush ins Goldene Buch der Stadt Mainz einträgt. Wir wissen, dass viele Mainzer dies nicht wollen.

Als Kostüme gab es zerschnittene orangene Papiertischdecken, die an das Orange der Gefangenen in Guantánamo erinnern sollten. Außerdem bereiteten wir Schilder vor mit Texten wie: "Neue Modefarbe - Guantánamo-Orange", "Brezeln statt Bomben", "WeckWorschtWoi.NotWelcomeBush.de", einige Karikaturen u.ä. vor.

Intensiv arbeiteten wir an der Umsetzung dieser Idee. Durch das gleichzeitige Engagement im Aktionsbündnis: "Not Welcome, Mr. Bush" waren wir alle zeitlich sehr eingespannt, dennoch stahlen wir uns die Zeit, um an unserem Fassenachtswagen zu arbeiten. Wir planten und kauften ein: Hasendraht, Tapetenkleister, Stroh, Material für die Schilder und was wir so meinten zu brauchen. Dann fingen wir an zu basteln und zu werkeln. Alles auf den letzten Drücker, aber wir haben es geschafft: 10 Schilder mit Sprüchen und Karikaturen waren vorbereitet. Das Gesicht der Bushpuppe konnten wir nur mit einem Foto kenntlich machen, welches wir ausgedruckt und auf eine Styroporkugel geklebt haben, die mit Stroh umwickelt war, da eine Bush-Maske einfach nicht aufzutreiben war.

Am Morgen des Rosenmontags transportierten wir die Einzelteile in die Stadt, bauten sie in einer Tiefgarage zusammen und trafen uns dann am Bonifaziusplatz. Kostüme wurden ausgeteilt und dann warteten wir auf eine passende Gelegenheit, zu dem Zug zu stoßen. Wir einigten uns darauf, dass wir die erste Gelegenheit nach dem Bush-Merkel-Motivwagen des MCVs ergreifen, um uns mit unserer ca. zehn Leute umfassenden Gruppe einzumischen (In Mainz kennt wohl jeder diesen Motivwagen: Bush hat die Hosen runtergelassen und Merkel nimmt Anlauf, um ihm in den Arsch zu kriechen).

Die Einreihung in den Zug trennte unsere Gruppe. Während die meisten Schilderträger vor einer Guggemusik ihre Schilder hochhielten und mit den Besuchern Fassenacht feierten, taten die Bollerwagenzieher es hinter der Guggemusik. Die Stimmung war gut, die Leute freuten sich über uns und wir über die Leute. Es schien ein schönes Ereignis zu werden...

Die gute Stimmung hielt nicht lange an. Nach ca. 100 Metern wurden wir von der Polizei harsch aufgefordert, den Zug zu verlassen. Eine Person wurde von zwei oder drei Polizisten wortlos von hinten umfasst und aus dem Zug gezogen. Eine andere bekam einen Boxhieb auf den Arm, als sie einen Polizisten auf den noch folgenden Bollerwagen aufmerksam machen wollte. So fanden wir uns bald auf dem Grünstreifen am Zugrand wieder, vor uns ein Polizistenpulk von mindestens 15 Personen.

Mit der Herausnahme aus dem Zug haben wir gerechnet, nicht aber mit körperlicher Gewalt, und auch nicht damit, dass unsere Personalausweise eingesammelt werden, wir in einer ewig erscheinenden umständlichen Prozedur alle photographiert und gefilmt werden, die Polizei mit der Staatsanwaltschaft telefoniert, damit diese entscheidet, ob unsere lustige Aktion den Tatbstand der Diskriminierung, der Beleidigung oder einer unangemeldeten Demonstration erfüllen würde. Wir wurden wohl fast eine Stunde am Rande des Zuges festgehalten.

Nachdem wir ursprünglich lediglich Zugverbot erteilt bekommen haben, wurde uns später von einem Polizisten das weitere Auftreten in der Stadt mit unseren Schildern und dem Bollerwagen untersagt. Eine Begründung dafür wurde verweigert. Vielleicht hätten wir es nochmal darauf ankommen lassen können, aber die Lust dazu war uns vergangen.

Auch wenn Mainz sich einbildet, für seine politische Fassenacht berühmt zu sein, haben wir erlebt, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Der Gruppe wurde (laut einem Artikel in der Mainzer Rhein-Zeitung) vorgeworfen "einen Karnevalszug für ihre politischen Zwecke zu missbrauchen".

Büttenreden und Zugnummern bewegen sich in einem nicht eindeutig abgegrenzten Bereich zwischen konventioneller politischer Meinungsäußerung und karnevalistischer Satire. Darüber, was angemessen und fastnachtsgemäß ist, kann man sehr unterschiedlicher Meinung sein. In Mainz-Mombach gingen im vergangenen Jahr CDU und FDP als Parteien klar erkennbar im Zug mit, inklusive Luftballons mit Parteiwerbung. Dieses Jahr wurde dort im Zug für den Erhalt des Mombacher Schwimmbads demonstriert. Auch die GegnerInnen des Flughafenausbaus durften schon einmal ganz offiziell im Rosenmontagszug mitlaufen- allerdings lehnt auch die Stadt Mainz den Ausbau ab.

Kein Problem gibt es offenbar mit kommerziellem Missbrauch. So stellte z.B. dieses Jahr die Supermarktkette Plus schon wieder einen (völlig unlustigen und unästhetischen) Wagen mit Eigenwerbung auf dem Rosenmontagszug.

Natürlich wird von offizieller Seite argumentiert, wir wären ja nicht angemeldet gewesen. Im Lauf der Jahre sind immer wieder im Zugprogramm unerwähnte Gruppen zu sehen gewesen. Wenn die Zugleitung sogar das politisch unverdächtige und in der Fastnachtshierarchie hochstehende Wiesbadener Prinzenpaar ablehnt, können sich andere schon ihre Chancen ausrechnen.