Eine Lesung mit Nachwirkungen

Jürgen Grässlin referierte über Kleinwaffen und las aus seinem Buch "Versteck Dich, wenn sie schießen - Die wahre Geschichte von Samiira, Hayrettin und einem deutschen Gewehr" (23.11.2004 in Mainz)

Kleinwaffen sind Massenvernichtungswaffen. Dieses Wissen hatte ich bereits vor der Veranstaltung, denn es sterben wesentlich mehr Menschen durch sogenannte Kleinwaffen als durch Bomben und andere Waffen. Ich dachte, dass unsere Veranstaltung mit Jürgen Grässlin wichtig ist, da der Fokus der Öffentlichkeit mehr auf größere Waffensysteme gerichtet ist - allerdings glaubte ich, nicht viel neues zu erfahren. Ich habe mich getäuscht.

Begrüßung und Einleitung

Von 100 Kriegsopfern sterbenWaffentypen
63 durchGewehre
10Faustfeuerwaffen (Pistolen, Revolver)
10Artillerie, Mörser
5Großwaffensysteme (Panzer, Flugzeuge etc.)
2Handgranaten

Nach der Begrüßung und einer kurzen Vorstellung der VeranstalterInnen erklärt Jürgen Grässlin die Ziele des Rüstungsinformationsbüros (RIB). Das RIB tritt unter anderem für einen Stopp aller Waffenexporte ein und betreibt ein umfangreiches Archiv mit Veröffentlichungen über Rüstungsexporte, Rüstungsfirmen der Bundesrepublik Deutschland, Veröffentlichungen der Friedensbewegung und weiteren Themen. Es ist z.B. möglich über das RIB Informationen über die Rüstungsimporte einzelner Länder zu erhalten.

Das RIB ist Mitbegründer des Deutschen Aktionsnetzes Kleinwaffen Stoppen (DAKS), welches speziell sein Augenmerk auf die Exporte von Kleinwaffen legt. Diese Exporte seien der größte Bereich der Rüstungsexporte. Als Kleinwaffen werden Waffen bezeichnet, die ein oder zwei Menschen tragen können.

Dabei hob Grässlin besonders auf das in Deutschland entwickelte und in vielen Staaten produzierte Gewehr G3 von Heckler & Koch ab. Die Kalaschnikov sei zwar das am häufigsten international benutze Gewehr, das G3 steht in der Verbreitung an zweiter Stelle, jedoch würden Treffer mit dem G3 aufgrund der Bauweise eher zum Tod führen.

Heckler & Koch und auch die Firma Mauser produzieren Kleinwaffen und haben ihren Sitz in Oberndorf am Neckar. Der größte Teil der Wirtschaft in Oberndorf hängt von der Waffenproduktion ab. Grässlin wurde von dem Oberndorfer Bürgermeister auch schon als unbeliebtester Mensch der Stadt bezeichnet, was Grässlin als Kompliment aufnahm. Ebenso empfand er die Bemerkung des Betriebsratsvorsitzenden von Heckler & Koch als Lob, als dieser sagte, es sei unmöglich, dass es nicht möglich ist, dahin Waffen zu exportieren, wohin man wolle, ohne dass es am nächsten Tag in der Zeitung stehe.

Nach der Einführung berichtete Grässlin von den Menschen, die er besuchte.

Somaliland

Nach einem Bürgerkrieg hat Somaliland 1991 seine Unabhängigkeit erklärt. Somaliland ist nicht als eigener Staat anerkannt, sondern gehört nach Ansicht der UNO zu Somalia. Dabei hat Somaliland eine gewählte demokratische Regierung, während die übrigen Regionen Somalias durch Bürgerkrieg und Stammesfehden ohne offizielle Regierung in Chaos versinken. Somaliland ist ein sehr armes Land.

Somaliland war nach dem Bürgerkrieg völlig zerstört und ist großflächig vermint. Es bekommt keine offiziellen Hilfsleistungen. Es gibt lediglich ein paar Nichtregierungsorganisationen, die Hilfsleistungen nach diesem Bürgerkrieg leisten. Geldgeber, die zudem immer mehr an Bedeutung gewännen, wären islamistische Organisationen.

Grässlin hält Somaliland für den friedlichsten Ort von Afrika. Er befürchtet, dass es aber in Zukunft angesichts der Geldgeber zu einem islamistischen Land werden könnte.

Samiira in Somaliland

Im Internet:

Deutsches Aktionsnetz Kleinwaffen Stoppen

Rüstungsinformationsbüro

Grässlin hat Samiira bei den Recherchen in Somaliland kennengelernt. Samiras Mutter wurde erschossen, weil sie die Mutter eines Aufrührers sei. Als Grässlin mit Samira die Stelle, an dem ihre Mutter erschossen wurde, besuchte, war dies der einzige Moment, an der sie weinte.

Die Leiche ihrer Mutter wurde bis zum heutigen Tage nicht gefunden. An derselben Stelle wurden viele Menschen erschossen. Wenn an dieser Stelle gescharrt wird, kommen ständig Patronenhülsen oder Knochen von Menschen hervor. Es gibt Wäscheleinen, mit denen meist elf Personen zusammengebunden wurden, bevor sie erschossen wurden. Manchmal findet man Wäscheleinen im Sand, an denen man ziehen kann...

Der Ehrenkodex von Somaliland besagt, dass man weder stehlen noch betrügen darf. Samiira hält Deutschland für kriminell, weil Fahrräder geklaut und Gartenhäuschen aufgebrochen werden.

In kleinen Zeltkonstruktionen unter Plastikplanen leben oft auf wenigen Quadratmetern 25 Personen zusammen ohne Wasseranschluss.

Hassan, der Bruder von Samiira ist seit 1989 angekettet. Er ist traumatisiert und lebt immer noch in der Welt des Bürgerkrieges. Er bekommt regelmäßig Kath - eine Droge, die ihn ruhigstellt. In Somaliland ist in ca. jedem vierten Haushalt ein traumatisiertes Bürgerkriegsopfer an Ketten. Therapeutische Hilfe gibt es nicht für diese Menschen.

Abdi Rachman, ein Bekannter von Samiira sagte, sein rechtes Bein wäre mit einem G3 abgeschossen worden. Er hat das Gewehr zu Hause. Er hat Wasser in dem Beinstumpf. Alle paar Jahre muss ein Stück vom Knochen abgeschnitten werden, weil er Knochenfraß hat. Er hat jetzt eine Prothese bekommen, kann sie aber nicht tragen, weil er die Schmerzen nicht aushält.

Hayrettin in der Türkei (Kurdistan)

Hayrettin erhielt eine Nachricht: Heute Nacht kommen sie und holen Dich ab, obwohl er nicht wusste, was er getan hatte. Er hat beschlossen zu bleiben und wurde abgeholt. Er hatte nur zwei Fehler: Er wurde Lehrer und wurde Mitglied einer kurdischen Gewerkschaft. Das war sein Verbrechen.

Trotz großer Folter im Gefängnis wurde Hayrettin nicht psychisch zerstört. Das ist leider unter den ehemaligen Gefängnisinsassen die Ausnahme.

1992 bis 1994 hat die türkische Armee wahllos kurdische Menschen herausgezogen und getötet: Ihnen wurde unterstellt, die PKK unterstützt zu haben. Die Menschen wurden getötet, und am nächsten Tag wurden sie in Säcken zurückgebracht. "Das passiert, wenn ihr die PKK unterstützt", wurde den Verwandten gesagt.

Kurden und Kurdinnen können meist nicht zurück in ihre Dörfer, da das Gelände vor den Dörfern vermint ist. Ziegenherden werden über das Gelände geschickt, um den Boden von Minen zu säubern.

Menschenrechtsorganisationen sagen, es sei heute in Kurdistan schlimmer geworden, nicht besser - auch weil verschiedene Kräfte zeigen wollen, dass die Türkei nicht in die EU gehört. 1984-1999 war die Türkei der Hauptwaffenempfänger der Bundesrepublik. Die Misstände waren bekannt, trotzdem wurde Jahr für Jahr im großen Maßstab exportiert. Der Hinweis, sie würden nicht im eigenen Land eingesetzt werden, genügte.

Helfen Sie mit, dass den Opfern von Kleinwaffen Stimme und Gesicht gegeben wird!

Bitte spenden Sie an:
RIB e.V., GLS-Bank-Freiburg, BLZ 43060967, KTO 8041073800
wichtig: Stichwort "DAKS-FONDS"
Spenden sind steuerlich absetzbar.

Deutschland und Kleinwaffenexporte

Deutschland ist momentan unter einer rot-grünen Regierung auf Platz 3 als Waffenexporteur. Grässlin kann keinen Politikwechsel feststellen, trotz Regierungswechsel.

G3-Gewehre haben eine lange Lebensdauer. Sie überdauern 35 bis 40 Jahre im Kriegseinsatz - deutsche Wertarbeit. Ein Fünftel der G3-Gewehre auf der Welt kommen direkt aus Deutschland, die übrigen wurden von anderen Herstellern nach der Lizenzvergabe produziert. Es gibt nach der Lizenzvergabe faktisch keine Kontrolle über die Produktion.

Lizenzen am G3-Gewehr vergibt die Bundesrepublik. Es gibt Bedingungen, die ein Lizennehmer erfüllen müsste, um Lizenzen für die Produktion zu erhalten. Diese Bedingungen wurden unter Rot-Grün um eine Bindungswirkung erweitert, so dass theoretisch eine Lizenz auch nachträglich entzogen werden könnte. In der Realität geschieht dies nicht. So dürften die in der Türkei produzierten von Deutschland lizensierten Gewehre nicht innerhalb der Türkei eingesetzt werden. Sie werden es dennoch. Es liegen dem Bund angeblich keine Erkenntnisse darüber vor.

Kleinwaffen von Heckler & Koch

Heckler & Koch ist ein mitelständisches Unternehmen mit ca. 680 Beschäftigten.

Durch die Bauart bedingt, haben durch das G3 mehr Menschen ihr Leben verloren als durch die Kalaschnikov. Dabei sind wesentlich mehr Kalaschnikovs weltweit im Einsatz.

1,5 Millionen Menschen wurden schätzungsweise durch das G3 getötet. Auf jeden Beschäftigten kommen so - unter Berücksichtung der G3s, die im Ausland produziert werden - 150 Tote pro Arbeitsplatz.

Das G3 hat mittlerweile ein Nachfolgemodell, welches das G3 ablöst - das G36: leichter, treffsicherer und noch besser geeignet für sogenannte Weichziele.

Deusches Aktionsnetz Kleinwaffen Stoppen

Das Deutsche Aktionsnetz Kleinwaffen Stoppen (DAKS) ist ein Zusammenschluss vieler Organisationen und Gruppen. Das DAKS will mit seinen Aktivitäten einen Beitrag zur Verhinderung von Gewalt und zur Deeskalation von Konflikten leisten, weitere Exporte und Lizenzvergaben von Kleinwaffen und Munition verhindern.

Das DAKS würde gerne auch Samiira und Hayrettin und andere Opfer nach Deutschland einladen und Veranstaltungen mit ihnen durchführen.

Zur Finanzierung der vieler Aktivitäten ist das DAKS auf Spenden angewiesen.

Nachwirkungen

Dieser Bericht gibt nur einen kleinen Teil der Veranstaltung wieder. Es ist für mich wirklich etwas anderes, ob ich lediglich Eckdaten weiß, oder mit dem Elend und der Not der Menschen konfrontiert werde, die unter den Auswirkungen deutscher Waffenexporte zu leiden hatten und immer noch leiden. Vieles, was bei dieser Veranstaltung zur Sprache kam, sickerte erst am nächsten Tag in mich ein, weil es für mich an diesem Abend einfach nicht sofort zu verdauen war.

"Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt"

Es ist leider immer noch bittere Wahrheit. Leider schauen wir immer noch zu gerne weg.

Harald