Kriegsdienstverweigerung in Israel während der zweiten Intifada
22.7.04 in Frankfurt, 29.7.04 in Mainz

Einladung Offener Brief Interview • Rude awakening (Englisch) • Rude awakening (Deutsche Übersetzung)


 

Deutsche Version des Textes "Rude awakening" - Vielen Dank an Yaguar für die Übersetzung!


Böses Erwachen

25 Jahre lang habe ich in einem Traum gelebt. Es war ein schöner Traum. Ich war darin ein tapferer Soldat, der den Staat Israel vor seinen Feinden schützt. Alles war sehr klar in diesem Traum - die, die gegen mich waren, waren die bösen Jungs, und wir waren die guten Jungs. Ich machte meinen Job, ohne zu viel zu fragen, und gewann den Respekt meiner Vorgesetzten; ich wurde sogar für die Offizierslaufbahn vorgeschlagen! Kein Zweifel, das Leben in diesem Traum war großartig.

Ich wurde dann in die sogenannten "Besetzten Gebiete" abkommandiert. Ich würde sagen, der Traum war dort ein wenig diesig. Ich brauchte nicht viel Mut, um hart arbeitetende Tagelöhner zu jagen, die die nicht existierende Grenze überschritten, so dass sie ihren hungrigen Familien zu essen bringen konnten, aber ich tat es - man musste seinen Befehlen in diesem Traum folgen, und man machte es, so gut man konnte. "Gut" bedeutete nicht viel in dieser besonderen speziellen Mission. Um andere Missionen zu erfüllen, musste ich mitten in der Nacht in anderer Leute Häuser eindringen (sie hatten völlig andere Träume als ich) und kleine Kinder von ihren Müttern weg zu Befragungseinrichtungen bringen. Ich zog es vor, nichts über die Träume dieser Kinder zu wissen. Und so ging der Traum weiter. Ich verließ die Armee, aber ich wachte nicht wirklich auf.

Eines Nachts hatte ich einen Traum, Ich träumte von dem Kind, das ich mitten in der Nacht geholt hatte, das sich eingenässt hatte und den ganzen Weg ins Gefängnis lang weinte.

Am Morgen versuchte ich mir vorzustellen, wo dieses Kind heute sei. Und die Antwort in meinem Kopf kam klar und deutlich - heute ist dieses Kind ein junger Terrorist. Er könnte sich bereits in irgendeiner Einkaufspassage in die Luft gesprengt haben. Bin ich dafür nicht in gewisser Weise verantwortlich? Abrupt wachte ich auf und merkte, dass ich träumte.

Informationen zu Yesh Gvul im Internet: www.yeshgvul.org

Das stärkste Land im Mittleren Osten fürchtet eine Bande Steinewerfer. Wir fürchten uns so sehr, dass wir nicht mehr in den Spiegel blicken. Israel beginnt finsteren Regimes der Menschheitsgeschichte zu ähneln. Es ist ein Land, das Soldaten in Situationen bringt, die zum Blutvergießen einladen, und schützt mit großer Hingabe Siedler, die ihm ins Gesicht spucken. Ein Land, das Soldaten zum Töten und Sterben ausschickt, damit später mehr Töten und Sterben geschehen kann.

Ich werde diesen Verbrechen nicht zuarbeiten. Ich werde der Zerstörung des Landes, in dem ich lebe, keine Hand leihen. Beendet die Besetzung!

Die größte Trennlinie zwischen Menschen ist die zwischen denen die "Ja" und denen, die "Nein" sagen. Gesegnet sind die, die "Nein" sagen, denn sie werden die Erlösung bringen. Das Königreich der Erde gehört denen, die im Dienste des "Ja" "Nein" sagen können - oder denen, die ein "Nein" erschufen und es zerstören um ein "Ja" zu schaffen.

Jose Saramago - Die Belagerung Lissabons

Omry Yeshurun, israelischer Kriegsdienstverweigerer, Januar 2002